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Die Welt Online, 2.02.2008

Ein Fehlgriff der Verleger
Walter Laqueur
Die erstaunliche und erschütternde Geschichte des Romans "Suite Francaise" ist bekannt. Die Verfasserin, Irène Némirovsky, entstammte einer reichen russisch-jüdischen Familie, der es im Gegensatz zu den allermeisten Emigranten-Familien gelang, ihr Geld zu retten und die sich nach der Revolution von 1917 in Paris niederließ.

Die erstaunliche und erschütternde Geschichte des Romans "Suite Francaise" ist bekannt. Die Verfasserin, Irène Némirovsky, entstammte einer reichen russisch-jüdischen Familie, der es im Gegensatz zu den allermeisten Emigranten-Familien gelang, ihr Geld zu retten und die sich nach der Revolution von 1917 in Paris niederließ. Irènes Leben spielte sich im Wesentlichen in den Pariser Salons und den Ballsälen von Biarritz ab. Sie hatte erheblichen Erfolg als Verfasserin von Romanen und Kurzgeschichten in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Nach dem deutschen Einmarsch flüchtete sie sich mit ihren beiden Töchtern in ein burgundisches Dorf, in dem sie 1940/1 "Suite Francaise" schrieb, ein tragischer Bericht einer Frau, die fast alle Illusionen über ihre neue Heimat verloren hatte ("Mein Gott, was tut mir dieses Land an..."). Irène und ihr Mann waren im Jahre 1938 zum Katholizismus übergetreten, was ihnen jedoch keinen Schutz bot. Ein Jahr später wurde Irène Némirovsky nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Ihre beiden kleinen Töchter überlebten versteckt.

"Mein Gott, was tut mir dieses Land an?"

Mehr als sechzig Jahre später (2004/5) wurde das Buch dann veröffentlicht, erregte ungeheures Aufsehen in Frankreich, erhielt literarische Preise (Prix Renaudot), wurde ein Bestseller und in viele Sprachen übersetzt.

Die tragische Geschichte von "Suite Francaise" erschütterte mich genauso wie viele andere Leser, doch fand ich, dass die ganze Wahrheit über den Roman und die Verfasserin noch nicht bekannt geworden war. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass ich als Junge die Verfilmung ihres ersten Romans "David Golder" gesehen hatte, mit dem damals berühmten Harry Baur in der Titelrolle. "David Golder" aber war ein Unmensch, ein geldgieriger, gewissensloser, reicher Jude, der alle antisemitischen Klischees verkörperte und dann eines elenden Todes starb.

Nun mag es solche David Golders in Paris gegeben haben, aber bei Irène Némirovsky erscheinen alle anderen jüdischen Figuren in demselben oder in ähnlich gehässigem Ton. Kein Wunder also, dass ihre Romane von der französischen äußersten Rechten, pro-faschistischen Blättern wie "Candide" und vor allem "Gringoire" gefördert wurden, deren Lieblingsautorin sie wurde und denen sie bis zum Ende treu blieb.

Irène Némirovskys jüdischer Selbsthass

Nun wollte der Zufall, dass etwa zur selben Zeit wie "Suite Francaise" in Paris eine Biographie von Irène Némirovsky erschien, geschrieben von Jonathan Weiss, einem amerikanischen Professor. Dies ist ein ausgewogenes Buch, keineswegs gehässig, aber es beschäftigt sich offen mit dem Selbsthass der Schriftstellerin. Weiss hebt hervor, dass Irène Némirovsky in ihrem anti-jüdischen Komplex von (negativen) psychologischen Problemen ihrer eigenen Familie (besonders der Mutter) gegenüber stark beeinflusst war. Sie war politisch unbedarft und hatte kaum Ahnung, mit welcher Art von Gesellschaft sie sich in Paris eingelassen hatte.

Die Biographie von Jonathan Weiss wurde in Paris totgeschwiegen. Franzosen haben es nicht gern, wenn Ausländer als erste über ihre Schriftsteller schreiben, und die verbliebene Familie las dieses Buch auch widerwillig. So wurde schnurstracks eine zweite Biographie in Auftrag gegeben, die dann vor ein paar Monaten in einem führenden Pariser Verlag erschien - bei Grasset, der auch Irènes Verleger in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gewesen war.

Die beiden Verfasser dieser zweiten Biographie haben in Russland Nachforschungen angestellt, was das Leben der Familie Nemirowsky in St. Petersburg und Kiew angeht, was jedoch für die Interpretation von David Golder und "Suite Francaise" nur von beschränktem Interesse ist. Man kann darüber streiten, was die Beweggründe für den Übertritt zum Katholizismus waren: Ob sie sich von der katholischen Religion angezogen und überzeugt fühlten (wie Weiss glaubt), oder ob es geschah, um der Familie größere Sicherheit zu verschaffen. Wahrscheinlich war es eine Mischung von verschiedenen Motiven. Doch auch das ist keine entscheidende Frage, im Gegensatz zu der unseligen Verstrickung von Irène Némirovsky in die Kreise der äußersten Rechten.

Der späte Ruhm von Irène Némirovsky führte dann dazu, dass nach der "Suite Francaise" nun auch "David Golder" in Frankreich, England, Amerika und anderen Ländern veröffentlicht wurde (in Deutschland erschien eine Neuauflage bereits 1997 bei S. Fischer, die allerdings vergriffen ist). Eine genaue Beschäftigung mit Némirovskys Frühwerk und oft sehr kritische Rezensionen waren die Folge.

Némirovskys Notizen sind herzergreifend

Viele bedeutende Werke der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts sind nie in Übersetzung erschienen, geschweige denn in den letzten Jahren erneut aufgelegt worden. Warum also "David Golder", der von der Tendenz einmal ganz abgesehen, nun wirklich nicht zu den Meisterwerken der Weltliteratur gehört? Die Verleger haben offensichtlich gehofft, dass die Wiederentdeckung Irène Némirovskys auch zu einem Verkaufsschlager ihrer weiteren Werke führen werde und bei der Veröffentlichung dieses Buches nicht genau hingeschaut.

Man hat ihr damit einen schlechten Dienst erwiesen: Irène Némirovsky selbst hatte bereits in den Dreißigerjahren erklärt dass sie, wenn sie gewusst hätte, dass Hitler an die Macht käme, das Buch gar nicht oder anders geschrieben hätte.

Némirovsky war eine begabte Schriftstellerin, aber ihren Nachruhm verdankt sie mehr ihrem tragischen Schicksal als ihrer Begabung. Ihre Begeisterung für alles Französische war grenzenlos, und ihr Vorbild war die französische haute bourgeosie der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Aber das war gerade die schwächste, am wenigsten anziehende, moralisch dubiose Periode dieser sozialen Schicht. Das alles hat Irène Némirovsky in ihrer schwärmerischen Begeisterung nicht gesehen, und daher erklärt sich wohl auch ihre geradezu kindischen politischen Anschauungen. Ihre letzten Aufzeichnungen sind herzergreifend, doch es bleibt der beunruhigende Gedanke, dass sie - hätte sie überlebt - sich der moralischen Verantwortung hätte stellen müssen für das, was sie geschrieben hat - genauso wie ihre anderen Kollegen von "Gringoire".



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